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Wenn du den Augenblick

Wenn du den Augenblick

Schwebend ins Wort erhebst,

Fällt dir wie Blütenblätter,

Fällt wie Herbstlaub die Zeit

Lautlos ins Bodenlose.

Das, was ist,

Sonst so flüchtig dahin –

Leuchten umfängt es, weit-

Her wie aus Sommerhimmeln,

Licht, das bewahrt.

Keiner, kein Abgrund ist, den

Sonst das Vergängliche

Haltlos und abwärts stürzt.

Nein, von Schwere befreit,

Ruht das, was ist, geborgen

Tief in der Stille des Jetzt.

 

Seitwärts das Morgenlicht

Schräg unters Blätterdach,

Sonnengespinst, noch nachtkühl.

Alle Weite der Welt

Drängt sich zur Gegenwart, hier

Um dich her,

Hüllt dich ein – wie die Hand

Einst eines Gottes tat,

Dort in der Nacht und heimwärts,

Sanft übers Meer,

Schutzschild dem Mann Odysseus.

So schützt auch dich das Licht,

Raumweit und nah der Haut

Deines Leibes, und Glück

Bebt durch dich hin, bedürftig

Du keines anderen mehr.

 

(2003)

Dieses Gedicht feiert die Zeitlosigkeit des erfüllten Augenblicks, der zugleich ein Augenblick der Selbstvergessenheit ist.

 

In der zweiten Strophe ist von Odysseus die Rede, dem großen ‚Dulder‘ des griechischen Epos: Auf der letzten Station seiner zehnjährigen Irrfahrt, als er endlich von den Phäaken über das Nacht-dunkle Meer nach Ithaka, seiner Heimat-Insel, gerudert wird, hält Athene, seine unermüdliche Beschützerin, die Hand eines Gottes über ihn und sorgt so für die sichere Heimkehr des zuvor mehrfach schiffbrüchigen Mannes.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)