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„So, wie es ist, ist es gut“

„So, wie es ist, ist es gut“

Das ist die ‚Soheit‘ der Dinge,

Dass sie sind, wie sie sind.

Nichts ist dahinter, das ihnen

Auch noch Bedeutung gäbe;

Denn – dahinter ist nichts.

Aber was wäre dann

Schweres daran,

Dass wir Tathâgatas werden?

Was denn Besonderes wäre

Solch ein ‚ins Sosein Gekomm’ner‘?

Nun, dass hinter den Dingen nichts ist,

Nichts, aus dem sie gleichwohl

Allzeit entspringen,

Nichts auch, in das sie gleichwohl

Wieder entschwinden –

Das ist die andre

Seite der ‚Soheit‘,

Das ist der Ort, der Nicht-Ort,

Den nur wenige kennen,

Ort der Tathâgatas.

 

Auch wenn es keine sonst gibt,

Die diesen Namen verdiente:

Wirklichkeit, als nur die,

Welche den Dingen zu Eigen,

Schätzen wir sie gering, weil

Sie vergängliche sind.

Das, was dahinter ist,

Fälschen wir um,

Wenden, was nicht ist, zum ‚wahren

Wesen‘ der Dinge, und ist doch

Nichts da. Zwar, wo gar nichts da ist,

Gibt es auch nichts Vergängliches, doch

Auch Beständiges nicht:

Machst du, dass nichts ist,

Zu einem Nichts, das da ist,

Frönst du der Täuschung.

Wahrheit – das wohl, doch

Kein ‚wahres Wesen‘

Hast du daran, dass hinter

All den Dingen nichts ist – und

Schrecken besagt das nicht.

 

So ist ‚Soheit‘ nur eine,

Die, dass die Dinge so

Sind, wie sie sind, und dahinter

Sich kein Wesen, kein wahres, verbirgt.

Und die Tathâgatas?

Was bedeutet dann noch,

‚So gekommen‘ zu sein,

‚So‘, und das heißt, ‚ins Sosein‘? –

Dass du in dir erfährst,

Du in dir selbst, eben dies:

Dass hinter allem nichts ist,

Dass da ‚am anderen Ufer‘

Kein ‚andres Ufer‘ mehr ist.

Du aber kehrst dich um,

Kehrst dich zur ‚Soheit‘ der Dinge,

Kehrst in das Haus, und es gibt kein

Andres als dies, zurück.

 

(2004)

‚Soheit‘ als grundlegender buddhistischer Terminus, der besagt: ‚So, wie die Dinge in Wahrheit sind, nämlich leer‘, meint nichts anderes als die Shûnyatâ. Und ein Tathâgata ist derjenige, der in dieser Leere zuhause, mit ihr identisch ist. Hier jedoch – Das ist die ‚Soheit‘ der Dinge, / Dass sie sind, wie sie sind – bedeutet ‚Soheit‘ kein ‚wahres Wesen‘ hinter den Dingen, sondern die Dinge selbst, nämlich so, wie sie sind, tatsächlich gegeben, aber vergänglich.

 

Das Hannya Shingyô, das Sûtra vom Herzen der Einsicht, die am anderen Ufer anlangt, enthält schon in seinem Titel die Metapher eines ‚anderen Ufers‘ jenseits der Welt der Verblendung. Durch die Praxis der Versenkung, namentlich der in MU, an diesem anderen Ufer anzukommen bedeutet freilich, dort anzukommen, wo im Gegenteil gar nichts mehr ist, also auch kein anderes Ufer – denn das wäre ja eines, hinter dem sich weiteres Land erstreckt. Doch gerade solch weiteres Land gibt es dort, wo unser Samâdhi uns hinführt, gerade nicht, und folglich auch kein anderes, kein jenseitiges Ufer.

 

Und ganz versteckt ist da noch eine winzige Anspielung auf das Lotos-Sûtra, genauer auf jene berühmte Parabel, bei der ein reicher Mann seine Söhne aus ihrem gemeinsamen, in Brand geratenen Haus (der Welt des Samsâra) ins Freie zu locken, und das heißt, in die Befreiung des Nirvâna zu führen versucht: Wenn es aber hinter den Dingen nichts gibt, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als nach unserer Befreiung in eben das Haus zurückzukehren, aus dem uns die Befreiung errettet hat.

Dietrich Roloff

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