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„Kein richtiges Leben im falschen“

 „Kein richtiges Leben im falschen“,

Wie es Adorno gesagt?

Glaub’ nicht, er wollte Dich täuschen,

Hat er doch Dich, hat sich

Ganz gefangen geseh’n,

Hieß ihm ‚Verblendungszusammenhang‘

Ja, ein Mantra, das ihm

Gleichwohl den Weg ins Freie

Nicht gewiesen – versperrt.

Einer freilich, ein andrer,

Hat ins ‚Erwachen‘ gerufen,

Über Jahrhunderte hin

Wie sonst keiner erfolgreich:

Dass wir, auch Du, uns alle

Aus eben Verblendung befrei’n,

Lastend wie böser Traum, auch

Seidiger Schleier und zart,

So auf der Haut, und sie spürt’s nicht.

Noch eine gibt es, Verblendung:

Deine Angst, dass Dein Sterben

Schreiend schmerzhafter Abschied sei,

Der für immer vom Glück.

Ach, Du weißt ja so gar nichts,

Nicht vom richtigen Leben,

Nicht vom richtigen Glück.

 

Was Lockung und Angst ist – so wag’s doch:

Wage den letzten Verzicht,

Ruf Dich zur Schwelle des Todes,

Lass noch Dich hinter Dir:

 Niemandsland ohne Laut,

Nirgends Gehöfte, kein Aufenthalt,

Du vermisst Dich nicht mehr.

Jäh widerfährt Dir Klarheit,

Dass Du Leben nicht brauchst.

Tiefer Trost im Entschwinden:

Nichts, das Dir jetzt noch ein Leiden

Wäre, Verwundung zum Tod.

Der ist dann schon durchschritten,

Trifft Dich kein zweites Mal, Du

Das Feld nach den Blumen, dem kein

Schnitter mehr droht – und Feld doch,

Das nur für Frühlinge taugt:

Aufblüh’n aus Nichts überkommt Dich,

Anfang zu schwebendem Leben,

Leicht, weil Tod nicht mehr schreckt, und

Leicht aus Freude, die sorglos geht,

Unbekümmert um Dich –

Erdenlos ohne Schwere,

Noch vor steigendem Dunkel

Wolken turmhoch vor Glück.

 

(Für Michaela v. L. – 2001)

Von Theodor W. Adorno stammt der bestürzende Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – ein Satz, der uns keinen Ausweg aus dem ‚Verblendungszusammenhang‘ des auf Ausbeutung sowohl der äußeren wie der eigenen, inneren Natur gegründeten, vom Konsum-Terror durchherrschten kapitalistischen Gesellschaftssystems zu lassen scheint.

 

Ansonsten handelt das Gedicht von dem, was im Zen ‚Großer Tod’ heißt – von der Selbst-Auslöschung in Mushin, der vorsätzlichen und mühsam-schmerzlich einzuübenden Auslöschung aller Bewusstseinsinhalte einschließlich des Bewusstseins unserer selbst sowie der daraus resultierenden triumphalen Rückkehr ins Leben.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)