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Dir blühen die Blumen

 Dir blühen die Blumen,

Auch die du nicht siehst.

 

Herbstnebel über den Straßen,

Graue Tage tagaus, tagein,

Kaum aufgehellt von den

Starken Farben des Sterbens.

Doch keine Trübnis noch Kälte

Dringt dir unter die Haut,

Geschweige ins Mark.

 

Weiten, unbegrenzte,

Aus Leuchten und Licht

Ziehen sich durch dich hin –

Sternenfrühling, das ist

Mehr als die Blütenmeere

Nie geschauter Planeten –

Sternenfrühling

Ist in dir da,

Junge Sonnen, die blühen auf

Fernsten galaktischen Fluren,

Sternenwiesen des Weltalls,

Sonnen sogar noch aus Räumen

Des Raums, die uns niemals erreichen.

 

In dir ist er da,

Aller Sternenfrühling,

Füllt deinen Leib,

Weitet dich aus,

Schenkt sich dir ganz.

 

Dir blühen die Blumen,

Auch die du nicht siehst.

 

(1992)

Dieses Gedicht gibt sich als Antwort auf die Zen-Frage: „Wem blühen die Blumen, auch die man nicht sieht?“ Unschwer zu erraten, dass es sich dabei um die unsichtbaren Blumen der Shûnyatâ handelt – um die Blumen am ‚anderen Ufer‘. Hier indessen geht es um die Verzückung eines ekstatischen Subjekts, das sich, eins geworden mit der Shûnyatâ, zugleich auch eins weiß mit dem aus ihr entsprungenen Universum von Milliarden von Galaxien, in denen wie auf Sternenwiesen des Weltalls auch noch Sonnen erblühen, deren Licht uns trotz einer Geschwindigkeit von 300 000 km pro Sekunde innerhalb der 13,5 Milliarden Jahre, die das Universum seit dem Urknall existiert, bisher nicht erreicht hat, und aufgrund der fortschreitenden Expansion des Universums auch niemals erreichen wird.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)