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Talgrund weit meines Herzens

 Talgrund weit meines Herzens,

Darin der Eisenbaum,

Äste nicht, blätterlos,

Über Sonnen hinaus,

Sternenhoch,

Nächtlich tiefes Metall.

Aber vollends erblüht zu

All den Gärten des Frühlings,

Unerschöpfliche Dolden

Schwerer Farben und Duft.

Eisenbaum, den noch je

Noch so reichliches Welken

Keiner Blüte beraubt.

 

Wo verschwunden das Ich, füllt

Wohllaut wie Duft die Welt –

Blütenkelch, der sie ist –

Meines Herzens Gesang.

Blütenkelch,

Duft des einen Geschmacks,

Voll von Fernstem, und herträgt

Auch, den ruft dieser Herzschlag,

Einst von Sehnen versehrt, jetzt

Er im einen Geschmack

Unverlierbar und ganz

Gegenwärtig, wie ich ihm,

Eins im Blühen der Welt.

 

(Für Allan – 1995)

Ein Eisenbaum, der blüht, ist ebenso wie eine ‚Frau aus Stein‘, die sich an einem Webstuhl betätigt, oder der ‚Mann aus Holz‘, der sich wandernd fortbewegt (vgl. Kôan 66 Cong-rong-lu/Shôyôroku), eine typische Metapher für die Grunderfahrung des Chan/Zen, dass aus der Erstarrung im ‚Großen Tod‘ neues Leben von überwältigender Mächtigkeit hervorsprießt.

 

Im rDzogs-chen, dem Ati-Yoga des tibetischen Buddhismus, ist der eine Geschmack eine Metapher für die Erfahrung der ‚Buddha-Natur‘, in der sämtliche Unterschiede und Gegensätze aufgehoben und alle Dinge dieser Welt seit je und für immer eins und zugleich vollständig und zeitlos gegenwärtig sind.

 

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)