· 

Sinnlos die Welt – und daher

 Sinnlos die Welt – und daher

Muss das Gedicht,

Soll es denn Wahrheit besitzen,

Gleichfalls, so sehr du auch suchst,

Jeglichen Sinn entbehren?

Sinnentleert, aber schön – nur

Hehres Gefüge der Worte?

Dann und nur dann entspricht es

Unbeschönigtem Weltlauf?

Und in der Tat,

Nicht einer Utopie

Eilt Geschichte entgegen, auch

Fortschritt der Menschheit zum

Immer Besseren hin ist

Nirgends in Sicht.

Wie also ließe sich da

Selbstbetrug anders vermeiden

Als durch Verweigerung,

Noch und erst recht im Schönen, erst

Recht von Sinn im Gedicht?

 

Anders das Zen-Gedicht, das

Lustvoll-drauflos,

Ganz so, als wär’ kein Erschrecken,

Seine Geschichten erzählt.

Wie denn auch nicht: Wie sollte

Dem, der randvoll aus nichts lebt,

Schwindel und Lähmung bedeuten,

Dass da kein Sinn den Weltlauf

Unbeirrbar ans Ziel bringt?

Auch dass sie strömt,

Liebe, die schenken will,

Leichthin, gütig um nichts, auch sie

Braucht keinen Sinn und hat

Darin Grund mehr als reichlich,

Dass sie halt ist.

Leben aus Zen – und dich trifft

Staunen um Staunen: Wie Sturzbach

Fällt dich das Leuchten an,

Glanz aus der Tiefe will ins Wort,

Jubel drängt ins Gedicht.

 

(2001)

– In memoriam Peter Niebaum –

Da ist Adornos bekanntes Diktum, dass „nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich“ sei, weil bei der Ungeheuerlichkeit des Holocaust jegliche Schönheit eines Gedichts auf unerlaubte Verharmlosung hinausliefe und folglich dem unbeschönigten Weltlauf nur Schweigen entspreche oder doch wenigstens, wenn denn schon weiterhin Gedichte möglich sein sollen, nur die grundsätzliche Verweigerung von Sinn . Der Holocaust als Beleg für die Sinnlosigkeit des Weltlaufs gewertet, ließe dann nur den Ausweg, sich auf Gedichte als Gefüge schöner Worte und Bilder zu beschränken, ohne damit jedoch weiterhin Sinn transportieren zu wollen. - Ganz anders das Zen-Gedicht, das sich von solchen Skrupeln grundsätzlich frei weiß: Sinnlosigkeit der Welt und die Schönheit sinnvoller Metaphern in einem Gedicht sind ihm kein Gegensatz und kein Widerspruch.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

zum BoD Buchshop