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Märchenerzähler

 Märchenerzähler,

Lügen-Barone,

Diese alten Erfinder des Chan:

Dass nur einer gelächelt habe,

Damals, bei jenem

Seltsamen Auftritt:

‚Buddha mit Blüte statt Worten‘.

Unsinn: Nur einer!

Alles lächelt, lächelt dich an,

Nicht die Wunder des Frühlings allein,

Nicht die Gluten des Herbstes,

Noch im großen Gewölk,

Noch im Dunst über See,

Der die Inseln umschleiert,

Lächelt die Welt,

Lächelt der Buddha dir zu;

Du auch lächelst zurück,

Lächelst – auch du – die Buddha-Güte,

Lächelst die Leichtigkeit

Lebens wie Sterbens:

Und all dies Lächeln ist grundlos.

 

Stille des Meeres

Unter der Küste.

Felsen ruhen im Spiegel der See,

Schädelstätte der Vorzeit, schweigend –

Windschatten glättet

Wellen und Lüfte,

 Frieden umhüllt dich, der aufsteigt

Hinter dem Antlitz

Dieses sonst so stürmischen Tags.

Buddha-Lächeln – sein leerer, sein Leib

Strahlt es aus, und ist Goldglanz

Allzumal, der der Welt

Innewohnt, ihr das Licht

Schenkt, den Segen des Lächelns.

Strahlt nicht aus dir

Auch dieser Segen hervor?

Ist dies Lächeln nicht deins?

Dort, wo dein Leib in Leerheit mündet,

Teilst du den Segen aus,

Selbstloses Leuchten:

Du Quell und Abgrund der Buddhas.

 

(2003)

Das Kôan 6 des Wu-men-guan/Mumonkan spielt auf einen uralten Topos des buddhistischen Mythos an: auf die Legende, der Buddha habe als Abschluss seiner Lehrtätigkeit, als seine gesamte, nicht gerade kleine Schülerschar auf dem ‚Geierberg‘ darauf wartete, eine letzte, alles bisher Gesagte zusammenfassende Lehrrede geboten zu bekommen, lediglich schweigend eine einzelne Blüte in die Höhe gehalten: Verständnislose Gesichter der nach Tausenden zählenden Menge; nur einer, der Meisterschüler Kâshyapa, habe dem Buddha mit einem Lächeln zu verstehen gegeben, dass diese wortlose Predigt bei ihm auf fruchtbaren Boden gefallen ist, woraufhin Buddha ihn zum Mahâkâshyapa erklärt und ihm die Nachfolge übertragen habe. – Nur einer unter Tausenden also - so die Legende – habe gelächelt.

 

Buddha (derjenige, der nun seinerseits lächelt) meint das ‚Buddha-Wesen‘, chinesisch fó-xìng, den Dharmakâya, die mit dem ‚wahren Wesen‘ aller Dinge identische Shûnyatâ; und Buddhas leerer Leib ist demgemäß eben dieser Dharmakâya. Und das ekstatische Subjekt, wenn mit dem Dharmakâya eins geworden (dort, wo dein Leib in Leerheit mündet), wird folgerichtig seinerseits zum Quell und Abgrund derjenigen Buddhas, die – als Buddhas Nirmânakâya – in der Welt erscheinen und sie mit dem Lächeln ihrer Lehre beglücken.