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„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

„Wohlan denn, Herz,

Nimm Abschied und gesunde!“

Dies Wort aus Montagnola, Schweiz –

Vernimm darin die Stimme

Der Meister einst des Chan:

„Wie steht’s um den, der gründlich

Den ‚Großen Tod’ gestorben ist?“

 

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied“,

Vor allem von dir selbst,

Von deinen Träumen, Schmerzen,

Von deinem Glücksbegehr –

Und dir wächst Leichtigkeit und Freude,

Wächst aus dem Sterben Leben zu,

Wie du es nie erhofft, erahnt,

Ein Leben voll der Farben,

Ob es nun deines ist,

Ob das der Welt –

Ihr Lerchensang, ihr Sommerglanz! –

Das jeden Untergang,

Noch den,

Gelassen übersteht.

 

„Nimm Abschied, Herz“ –

Verwandle dich ins Leichte,

Erheb’ dich steil zu Lerchensang,

Auch wenn die Fluren schweigen –

Die Stille ruft dich, lockt:

‚Entsteig’ dem Leib, dem engen,

Und sei ganz Lied und Sommerlaut!‘

 

Und weißt, mein „Herz“, doch dies auch:

Nur da, wo Abschied ist,

Ist Aufbruch, wartet Ankunft –

Du musst vom Hier ins Dort

Und streifst dein Hiersein ab, um anders,

Von dorther freudig, hier zu sein:

„Die Welt so groß und weit“, wie sonst

Die Leere Bodhidharmas,

Und sanfthin aufgelöst

Ins Weite – du,

Hast du den Festtag ihres Lichts,

So reich an Glück, um dich

Herum,

So leibesnah, so dicht.

 

(Für Jana – 2002)

Montagnola, Schweiz: Anstoß und Keimzelle für meinen Text ist eine Gedicht-Zeile aus Hermann Hesses Glasperlenspiel gewesen. – Die letzte Strophe enthält eine Anspielung auf gleich zwei bekannte Zen-Kôan: auf das Kôan 1 Bi-yan-lu, in dem Bodhidharma, der Begründer des chinesischen Chan-Buddhismus, dem Kaiser Wu von Liang auf dessen Frage nach der „Höchsten Wahrheit“ zur Antwort gibt: „Geräumige Weite, nichts Heiliges!“ (der chinesische Begriff, auf den es hier ankommt, kuo-ran, bedeutet soviel wie ‚weit, geräumig, etwas, das sich weit auseinanderzieht’). Und zum anderen auf das Kôan 16 Wu-men-guan, das den großen Chan-Meister Yun-men mit der rhetorischen Frage zitiert: „Die Welt ist so groß und weit, warum da beim Glockenklang den festlichen Brustlatz anlegen?“

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

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