· 

Sterben geschieht nicht ins Dunkel

 Sterben geschieht nicht ins Dunkel,

Sterben geschieht ins Licht:

Löschst du dich aus,

Gibst dich der Leere anheim,

Trifft den Verwandelten Licht –

Licht, das die Leere erfüllt.

Sagt nicht das Sûtra, das allbekannte,

Das vom Herzen der Einsicht:

‚Leere ist Licht,

Licht, das ist Leere‘?

Ach, wohl nicht. Doch das Licht, das du bist,

Das ist das Licht der Schöpfung,

Schenkt dir die Welt zurück,

Wie es vor Jahrmilliarden

Quarks und die Galaxien

Jählings dem Nichts entrissen.

 

Freude, die lodert wie Feuer,

Glutheller Wärmestrom,

Glück bricht hervor,

Tränen auch, Tränen des Glücks,

Strom, der sich weitet und dehnt,

Trägt dich aufs offene Meer:

Unter der Sonne der Freude gleitet

Kraftvoll, stetig das Schiff, seit

Jeher besetzt

Schon mit den Buddhas,

Singend, jubelnd wie du, dass sie sind,

Hier in der Zeit, gesegnet,

Hier, und ist Reines Land.

Du stehst entflammt, ekstatisch,

Mund nur, der singt, nur Mund,

Singst du die Welt in Freude.

 

(2002)

Die erste Strophe umschreibt die Erfahrung, die ein Übender beim Eintauchen in das Kôan MU machen kann und im Fall des Gelingens auch tatsächlich macht. Zudem spielt sie auf die zentrale Aussage des Hannya Shingyô an, des Sûtra vom Herzen der Einsicht: ‚Form ist nicht verschieden von Leere und Leere ist nicht verschieden von Form; Form nämlich ist Leere und Leere ist Form.‘

 

Die zweite Strophe zitiert ein weitaus älteres Gedicht aus dem Jahr 1993: Windstille überm Meer. / Mit vollen Segeln gleitet / Ein Schiff im Sonnenglanz. // Ein Sturm geht von ihm her. Die Wolken stimmen ein ins Singen der Tathâgatas. In beiden Fällen liegt die gleiche bildliche Symbolisierung des ‚Großen Fahrzeugs‘ zugrunde, die eines mit selig Singenden gefüllten Segelschiffs, dessen Insassen nur noch mit Buddhas bzw. Tathâgatas in irdischer Erscheinung gleichgesetzt zu werden brauchten. – Reine Länder wie das Land Sukhâvatî des Buddha Amitâbha stehen als überirdische Paradiese für eine Daseinsform jenseits aller Mängel und Nöte, kurz für ein Leben in Vollkommenheit. – Und noch etwas: Kleine Kinder singt man in den Schlaf; hier geht es darum, die Welt in den Zustand der Freude, ihrer Freude, hinein zu singen.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

zum BoD Buchshop