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Die Welt beweist nichts

Die Welt beweist nichts, nicht

Einmal sich selbst.

Dass es ist, darauf kann kein

Seiendes sich berufen.

Nicht den Prediger gilt es,

Dass alles eitel sei,

Das Prunken der Macht, das

Selbstverliebte Besitzen.

Nicht den Wandel der Dinge

Will ich beschwören – dass nicht zu sein

Der Kern ihres Bestehens ist,

Ach, wie schwer geht uns das ein,

Und uns einzugestehen, dass

So die Welt ihrer selbst

Ein untaugliches Unterpfand.

 

Wie sehr es auch scheint, die

Ordnung der Welt

Sei das Werk einer Vernunft –

Aber das ist nur Spiel, das

Spiel der Autopoiese.

Nicht hat ein Schöpfergott

Sie vor sich gesetzt, dass

Lobpreis seines Geschöpfes

Ihn verherrlicht, auch führt kein

Weltgeist den Weltlauf ans Ziel, wohin

Das sein mag. Ob sie ist, ob nicht,

Diese Welt, anders vielleicht –

Allemal ist es gut. Noch ihr

Nicht-Sein störte doch nicht

Das Lächeln des Tathâgata.

 

(1993)

Dieses Gedicht lebt von dem Überschwang dessen, der sich im Tathâgata, der Leere am Grund der Welt, aufgehoben fühlt – einer Leere, die auch dann noch existiert, wenn es, nach buddhistischem Mythos, keine Welt mehr gibt. Und eines Aufgehoben-Seins, das sich – allemal ist es gut – auch dann noch unbetroffen glaubt, wenn wir als Menschheit die irdische Welt zugrunde gerichtet haben. – Autopoiese (wörtl. ‚Sich-selbst-herstellen‘): Grundbegriff der Systemtheorie, die die Selbst-Erzeugung und Selbst-Erhaltung von ‚Systemen fern vom Gleichgewicht‘ beschreibt.

 

Weltgeist – Anspielung auf den Philosophen Hegel und seine Lehre, dass der Weltlauf von einem der Welt zugrunde liegenden Prinzip, eben dem Weltgeist, auf ein vorgegebenes Ziel hin gesteuert wird, das durch ein Doppeltes gekennzeichnet ist: die vollständige Selbsterkenntnis dieses – mit Gott identischen – Weltgeistes und dessen Realisierung in der äußeren, objektiven Welt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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