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Der Boden birst

Der Boden birst.

Das Bodenlose

Steigt auf und flutet dich

Mit jubelnden Tränen der Freude.

Was fragst, was suchst du noch?

Alles ist weggewischt,

Alles, du auch.

Nur ist noch Feuer da,

Die Gluten der Freude.

Schluchzen, Schluchzen, und hat keinen Ort. 

 

Und bist doch hier,

Bist du und lächelst,

Und stürmt dahin, dein Gang,

Und leuchtenden Glanz in den Augen:

Wie lebst du leichten Seins!

Wie doch der dunkle Grund

Mitten in dir

Offen zu Tage liegt,

Zu stetiger Güte:

Noch die Nächte sind hell ohne Mond.

 

Lin-ji hat recht:

Du brauchst nichts weiter,

Hast ausgesorgt, bist frei,

Enthoben dem Mühen und Suchen:

Der wu shi ren bist du.

Was du auch sonst noch tust,

Ist wie nur nichts

Gegen die Freudenflut,

Die alles davonschwemmt,

Wenn das Beben jäh über dich kommt.

 

 (Für Stephan Schuhmacher – 2000)

Und hat keinen Ort – Anspielung auf den ‚Nicht-Ort‘, von dem im Lobgesang des Kôan 95 Bi-yan-lu die Rede ist: ‚Am Nicht-Ort gibt es Mondschein, sind die Wellen klar und durchsichtig‘. Mit der Metapher vom ‚Nicht-Ort‘ umschreibt Xue-dou die Leere oder Shûnyatâ am Grund der Dinge als den Inbegriff der heiteren, ja seligen Stille, wie sie vom Sanskrit-Begriff Nirvâna ursprünglich intendiert ist.

 

Wu shi ren (Aussprache in etwa: ‚u sche dschen‘), wörtlich ‚ein Mensch ohne Angelegenheiten‘, ist Lin-ji’s Formel für den Zustand des Erwacht- und Befreit-Seins. Wu shi ren, das meint einen Menschen, der nichts mehr zu betreiben oder zu besorgen hat; der nichts mehr erreichen muss, weil er alles, was er braucht, schon hat. Natürlich verharrt ein solcher Mensch nicht in regloser Untätigkeit; doch alles, was er tut, kann der Erfüllung, die ihm eh zu eigen ist, nichts hinzufügen, aber auch nichts wegnehmen.