· 

Ein selbstkritischer Rückblick IV

Das vierte, bisher unveröffentlichte Buch, ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“, führt die Metaphysik-kritischen Gedankengänge des voraufgegangenen Buches fort und zu Ende: Ersteres, indem es sich einer weiteren grundlegenden Kategorie des Chan-Buddhismus zuwendet: dem Postulat einer alles umfassenden ‚Buddha-Natur‘, chinesisch fó-xìng, und unter Berufung auf eine bereits im Song-zeitlichen Chan selbst angelegte Tendenz die Annahme einer solchen ‚Buddha-Natur‘ für immer verwirft. Letzteres, das Erreichen eines End- und Schlusspunktes, ergibt sich aus der logisch-ontologischen Analyse des Begriffs ‚Nichts‘, die darauf hinausläuft, dass wir kein Recht haben, von der Existenz eines Nichts zu sprechen, mit allen Konsequenzen, die der Verzicht auf ein wie auch immer geartetes Nichts mit sich bringt. Diese beiden Gedankenstränge stehen nicht disparat nebeneinander; sie sind im Gegenteil auf das Engste miteinander verknüpft – erfolgt doch der Nachweis der Nicht-Existenz eines Nichts unter Rückgriff auf eben die Chan-typische Kategorie des WU, japanisch MU, mit der bereits die Chan-Meister der Song-Zeit selbst der Annahme einer ‚Buddha-Natur‘ den Garaus gemacht haben: WU, das auch ‚nichts‘ bedeuten kann, ist des Genaueren als ‚Da ist nichts!‘ zu verstehen, und dieses ‚Da ist nichts‘, nämlich hinter den Dingen oder als letzter Grund der Dinge, ist gleichbedeutend mit der ebenfalls Song-zeitlichen Formel ‚Nur dies ist der Fall‘, die das, was ‚der Fall ist‘, auf die Dinge der Welt beschränkt: Ein ‚Hinter-den-Dingen’ existiert nicht, anders gesagt, hinter den Dingen ist nichts, und zwar nicht in dem Sinne ‚Hinter den Dingen ist nichts‘ (eine Aussage, aus der sich immer noch die Existenz eines Nichts ableiten ließe), sondern noch radikaler als ‚Hinter den Dingen ist nichts‘ (also auch kein Nichts).

 

Zu demselben Ergebnis führt die logisch-ontologische Analyse des Begriffs ‚Nichts‘, so dass wir, solange wir uns in den Bahnen des Chan-/Zen-Buddhismus bewegen, auch nicht davon sprechen dürfen, dass wir oder die Welt insgesamt aus einem ‚Anderen‘ namens ‚Nichts‘ hervorgegangen sind, mit der unausweichlichen Konsequenz, dass alles Entstandene bzw. Entstehende nur ‚aus sich selbst heraus‘ (chinesisch-daoistisch zì-rán), als ein spontan ‚Neues‘ entstanden sein bzw. entstehen kann. Und eben das verleiht der Kategorie des ‚Neuen‘ ihre volle Bedeutungstiefe, die sich in den voraufgegangenen Büchern nur schemenhaft angedeutet hat.

 

Und wenn wir dieses zunächst nur Chan-/Zen-spezifische Ergebnis – wie gleichfalls in ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“ geschieht – mit den Ergebnissen der zeitgenössischen Physik und Kosmologie verknüpfen, so stellen sich überraschende Übereinstimmungen heraus – Übereinstimmungen, die darauf hinauslaufen, dass wir uns jede Art von Metaphysik versagen müssen, nicht nur die des Chan/Zen. Wir finden uns ausschließlich auf diese Welt hier verwiesen, auch mit unseren Hoffnungen auf spirituelle Fundierung eines gelingenden Lebens. Frei zu sein von Ängsten, Todesfurcht, dem Erschrecken angesichts einer sinnlosen Welt ist auch ohne Metaphysik sehr wohl möglich, auch inmitten radikaler Vergänglichkeit, auch unserer eigenen. Das zu verdeutlichen bedient sich ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“ einer alt-europäischen Metapher, der der Gärten des Großkönigs.

 

Befreit von aller herkömmlichen Chan-/Zen-Metaphysik beschränkt sich das ZEN des 21.Jahrhunderts darauf, dass der oder die Übende sich in die eigene, durch und durch endliche und vergängliche Existenz vertieft. Das Kôan MU, Ausgangspunkt des nunmehr in Gang gesetzten ‚Modernisierungsprojekts‘, erhält dabei eine andere Färbung und Funktion: Hatte es ursprünglich dazu gedient, Chan- und Zen-Anhängern den Glauben an metaphysische Entitäten (‚Buddha-Natur‘, Shûnyatâ, Dharmakâya, Dharmadhâtu) als spirituellen Zufluchtsort auszutreiben, so tritt es jetzt für den Übenden als wirkmächtiger Anstoß hervor, sich hingebungsvoll in das Faktum zu versenken, dass unsere Heimat, die Biosphäre unseres Blauen Planeten, die uns umgibt und trägt, uns gleichwohl nicht zu halten vermag; dass wir vielmehr, jeder einzelne von uns, daraufhin angelegt sind, schließlich und endlich in uns selbst zu verschwinden – so wie die Welt, merkwürdiger Gedanke, nicht hat verhindern können, dass wir aus uns selbst heraus (zì-rán) in sie eingetreten sind.

 

Dennoch können wir, und zwar durch Einübung in eben das Kôan MU, die uns umgebende Welt mit all ihren Gegebenheiten – und das macht sie zu Gärten des Großkönigs – davon befreien, uns fremd, abweisend, ja feindlich zu erscheinen, uns zu ängstigen und in ihr verloren zu fühlen. Da gibt es nichts Trennendes mehr; die Welt schmiegt sich uns gleichsam an und wir selbst geben uns ihr lust- und vertrauensvoll hin. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die ‚Erfahrung von Shûnyatâ‘, wie sie aus der Einübung in MU, ins ‚Da ist nichts!‘ erwächst: Dieses ‚Da ist nichts‘, das Eintauchen in den Abgrund spirituellen Verschwindens, schlägt um in die Fülle des Seins, das uns mit den Dingen der Welt entgegenstürzt und uns zwingt, uns ihr vorbehaltlos hinzugeben. Die Gärten des Großkönigs – das ist der Jubel, da zu sein in einer von Licht und Farben trunkenen, einer von vielfältigem Leben erfüllten Welt.

 

Was braucht es da, buddhistisch gesprochen, mehr zur 'Befreiung'?

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)